Dienstag, 30. September 2014

Kann eine Uhr smart sein?


Ich habe rund ein halbes Dutzend Uhren in meinem Nachtkasten, die meisten davon mit Automatikwerk und klassisch anzusehen. Die hier ist neu: eine Sony Smartwatch 2, abgekürzt SW2. Die Uhr gehört zur zweiten Generation der so genannten Smartwatches, also der schlauen Uhren.
Spätestens seit der Vorstellung der Apple Watch Mitte September sind Smartwatches das große Diskussionsthema. Trendforscher halten sie gelegentlich für The Next Big Thing, Onlinemarketiers träumen davon, den Smartwatch-Besitzern Werbebotschaften aufs Handgelenk zu senden, während Rückwärtsgewandte die ewig gleiche Frage stellen: Wer braucht denn so was?
Ist natürlich irgendwie eine blöde Frage, denn eigentlich braucht niemand eine Armbanduhr. Überall kann man die Zeit ablesen, unten rechts auf dem Computermonitor zum Beispiel, am Armaturenbrett des Autos, auf dem Handy - meine Mutter hat in ihrer Küche sogar einen Herd und einen Mikrowellenofen, die beide eine eingebaute Uhr besitzen. 
Dennoch gibt es viele Menschen, die eine Armbanduhr tragen - und dabei durchaus Modelle wählen, die mehr anzeigen als die Uhrzeit. Die Mondphase etwa, oder eine gestoppte Rundenzeit. Selten wird jemand mit einer solchen Uhr gefragt, ob er Astronom sei oder regelmäßig Leichtatlethen trainiert. Was ist also so speziell an einer Smartwatch?
Die Sony SW2 ist, genau wie die meisten anderen derzeit am Markt befindlichen Smartwatches im Grunde ein Zubehör für ein Smartphone (daher vermutlich auf das "smart" im Namen). Genauer: Sie ist so etwas wie eine Fernbedienungseinheit. Der Anspruch: Die Smartwatch soll es bei möglichst vielen Gelegenheiten überflüssig machen, das Smartphone aus der Tasche zu ziehen - etwas, was in Gesellschaft zunehmend als unhöflich empfunden wird. In der Praxis geht das so: Auf dem Smartphone ist ein Termin im Kalender, eine Viertelstunde davor gibt das Phone ein Signal aus (das nicht gehört wird, weil das Phone in der Tasche steckt). Gleichzeitig vibriert die Smartwatch dezent und zeigt auf dem Display Informationen zum nahenden Termin an. Dasselbe geht mit Facebook- und Twitter-Tweets, mit neuen Mails im Gmail-Postfach und mit SMS. Der Gedanke dahinter: Der Nutzer muss nur noch dann auf sein Handy blicken, wenn er weiß, dass es dort auch etwas Wichtiges zu sehen gibt.
Um mitzubekommen, was das Handy meldet, ist die SW2 per Bluetooth mit dem Android-4-Smartphone verbunden. Darauf läuft eine App, die regelt, welche Infos an die Uhr weitergegeben werden. Dazu gibt es so genannte Extentions, mit denen man die Uhr um Funktionen erweitern kann. Und da sind die Entwickler durchaus kreativ. So schickt etwa die App Regenradar eine Textmeldung auf die Uhr, wenn in der Umgebung Schauer auftreten. Die Plus-Variante bietet sogar eine animierte Wetterkarte auf dem Uhrendisplay. Es gibt eine Extention, mit der man per Knopfdruck ein Tracking der Route starten kann, auf der man sich bewegt, eine andere Extention zeigt Geschwindigkeit, Richtung und zurückgelegte Strecke an. Man kann mit der Uhr Einstellungen des Smartphones wählen (zum Beispiel den Wireless Hotspot an- oder ausschalten), man kann die Musikwiedergabe steuern, Telefongespräche annehmen oder ablehnen - oder gar das Smartphone klingeln lassen, wenn man es verlegt hat. Das funktioniert nur so lange, wie die Uhr via Bluetooth mit dem Smartphone verbunden ist. 
Ohne Smartphone ist die Sony SW2 nicht so wahnsinnig smart: Sie zeigt die Zeit an, hat eine Stoppuhr, einen Wecker und einen Timer und einen Taschenrechner. Gar nicht blöd: Man kann das Display hell leuchten lassen und hat dann eine Taschenlampe, die immerhin dazu taugt, im Dunklen ein Schlüsselloch zu finden.
Stichwort "leuchten": Die Sony SW2 besitzt ein so genanntes transflexives Display, auf dem man auch dann etwas ablesen kann, wenn die Hintergrundbeleuchtung aus ist. Das Bild oben zeigt die Zeitanzeige im Normalzustand, ohne Beleuchtung. Dadurch hat die SW2 einen überschaubaren Stromverbrauch. sie muss bei moderater Nutzung der Extras alle vier bis sechs Tage für eine Stunde aufgeladen werden. Die Smartwatches der neuesten Generation, zum Beispiel die Motorola Moto 360, haben einen hochauflösenden Bildschirm, der jedoch immer - zumindest gedimmt - leuchtet. Dadurch hält der eingebaute Akku nur noch 36 Stunden - das Ladgerät muss also einen festen Platz auf dem Nachttisch neben dem Bett haben. Dafür erlauben neuere Smartwatches ein berührungsloses Laden über Induktion. Bei der Sony SW2 muss eine Abdeckkappe am Gehäuse geöffnet werden, damit das Micro-USB-Ladekabel Anschluss findet. Vorteil dieser rustikalen Lösung: Solch ein Kabel haben die meisten Android-Smartphone-Besitzer mehrfach in ihrem Haushalt. 
An Smartwatches scheiden sich die Geister. Wer nicht bereit ist, sich in die Bedienung und die Konfiguration der App einzufuchsen, der wird mit einer Smartwatch vermutlich nicht glücklich. Die Vorteile drängen sich nicht auf den ersten Blick auf. So habe ich eine Weile gebraucht, bis ich herausgefunden habe, dass es wahnsinnig praktisch ist, den Mediaplayer des Handys mit der Uhr zu steuern, wenn das Handy im Auto in seiner Halterung steckt und Musik ins Autoradio streamt. Oder man kann einen eingehenden Anruf annehmen, auch wenn das Handy in der Tasche steckt - oder im Auto im Kofferraum liegt. Wichtig ist es, sich genau zu überlegen, welche Alarme man auf der Uhr haben will. Würde ich die Facebook-Nachrichten aller meiner Friends oder alle Twitter-Tweets der Leute auf der Smartwatch empfangen, würde die Uhr vermutlich jede Minute einmal vibrieren. Es gibt nur einige wenige Facebook- und Twitter-Accounts, deren Meldungen auch auf meiner Uhr ankommen. 
Perfekt ist die SW2 nicht: So werden die Bezeichnungen der Termine nur dann komplett angezeigt, wenn sie kurz sind. Längere Termine könnten durch das Display scrollen, doch das kann die SW2 nicht. Und nicht alles, was auf dem Smartphone gemeldet wird, kommt auch auf der SW2 an. So habe ich heute eine eBay-Auktion verpasst - für die eBay-App gibt es keine SW2-Extention. Die neueste Generation der Smartwatches läuft mit dem neuen Betriebssystem Android L, sie soll alles anzeigen können, was das Smartphone auch anzeigt.
Eins unterscheidet Smartwatches von herkömmlichen Uhren: Sie sind nicht für die Ewigkeit gebaut. Meine älteste Armbanduhr ist 20 Jahre alt und funktioniert wie immer. Ob meine SW2 in fünf Jahren noch mit dem Mobiltelefon sprechen wird, das ich dann benutze, weiß ich nicht - Wetten abschließen würde ich darauf nicht. Deshalb sollte man die Höhe seiner Investitionen in eine Smartwatch überlegen:  Die SW2 stand mal bei Sony mit 200 Euro in der Liste, heute kostet sie mit Plastikarmband noch kurz über 100 Euro. So viel Geld zahlt man/frau auch schnell mal für eine Modeuhr, nur weil sie schick ist.       

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