Freitag, 18. September 2009

Die Notruf-Lüge

Vor wenigen Tagen ist in München ein 50-jähriger S-Bahn-Passagier bei dem Versuch, eine Auseinandersetzung zwischen gewalttätigen Jugendlichen zu schlichten, zu Tode geprügelt worden.

Jetzt überschlagen sich die üblichen Verdächtigen mit ihren Ratschlägen: Mehr Videokameras müssen her! Es muss mehr Zivilcourage her!

Leider ist das alles dummes Zeug, denn die Stadt München bringt es noch nicht einmal fertig, dass ihre Notrufsäulen ihre Funktion erfüllen.

Vor einiger Zeit war ich selbst Opfer eines tätlichen Übergriffs in der U-Bahn. Seitdem weiß ich: In einer solchen Situation hilft einem niemand - nicht die anderen Fahrgäste und schon gar nicht die U-Bahn-Wache, die sich in München sonst gern so martialisch gebärdet.

Was ist damals bei mir geschehen? Ich war in der U-Bahnlinie 5 vom Hauptbahnhof in Richtung München-Laim. Es war gegen 19 Uhr, die U-Bahn war zu etwa 60% besetzt und ich saß auf meinem Sitz und hörte über Kopfhörer Musik. Plötzlich hörte ich – trotz Kopfhörer – einen Mann im Waggon herumbrüllen. Ich nahm die Kopfhörer ab und hörte, wie ein ungefähr 60-jähriger, bayerisch sprechender Mann mehrere junge Mädchen (mit Migrationshintergrund) im Alter zwischen ca. 15 und 20 aufs Unflätigste beschimpfte. Die Frauen hatten dem Mann offensichtlich nichts getan, aber er brüllte sie unablässig an. Schließlich stand eine von den Frauen auf und erwiderte, dass sie sich so was nicht gefallen lassen müsse, was den Mann erst recht in Rage brachte. Es fielen Worte wie „Schlampe“, „fette Sau“ und „Hartz-4-Empfängerin“.

Ich stand auf und ging zu der Bank, auf der der Mann saß, und sagte ihm klar und deutlich, dass er sich mäßigen und mit den Beleidigungen aufhören solle. Daraufhin wendeten sich die Aggressionen des Mannes gegen mich. Er schrie mich an, ich solle mich nicht einmischen, und fing dabei an, immer wieder nach mir zu schlagen. Auch ich wurde als „fette Sau“ bezeichnet. Als der Mann immer aggressiver wurde, warnte ich ihn, wenn er damit nicht aufhören würde, würde ich ihn bei der Polizei anzeigen – was seine Aggression immer weiter steigerte. Die Situation war skurril: Ich bin zwei Meter groß und wiege rund 140 kg. Der Mann war etwa 1,60 Meter groß und rund 20 Jahre älter als ich. Ich an seiner Stelle hätte jetzt mal nachgegeben, aber er fing an, immer härter zu schlagen und mir solche Dinge zu sagen wie „Na, dann zeig’ mich doch an, Du Sau mit deinem Scheiß-Handy“.

Damals funktionierten Handys noch nicht in der Münchner U-Bahn, erst seit wenigen Wochen hat man zwischen Oktoberfest und Hauptbahnhof Empfang. Ich konnte also nicht die Polizei rufen, die Attacken des Mannes wurden immer aggressiver und wanderten immer mehr in Richtung meines Gesichtes – ich bin übrigens Brillenträger. Daraufhin beschloss ich, mich zur Wehr zu setzen: Ich drängte den Mann gegen die Wand des U-Bahnwaggons und wollte ihn mit meinem Gewicht daran hindern, weiterhin nach mir zu schlagen. Er schlug wie verrückt um sich, riss an meinem Hemd, das daraufhin einen Knopf verlor, und brüllte ohne Unterlass Beleidigungen und Drohungen, zum Beispiel: „Dich Sau kenn ich, ich warte auf Dich, Dich mache ich fertig.“

Als offensichtlich war, dass ich mit dem Mann in eine Rangelei verwickelt war, da kam tatsächlich Leben in die anderen Fahrgäste. Sie kamen zu uns und sagten zu mir: „Lassen Sie doch den alten Mann in Ruhe, der ist doch besoffen“ Es fielen auch Bemerkungen wie „Mischen Sie sich nicht ein“, und der Gerechtigkeit halber muss ich sagen, dass ein Fahrgast auch den Mann aufgefordert hat, endlich aufzuhören. Hilfe von den anderen Fahrgästen? Keine Spur.

Auf dem Bahnsteig am Laimer Platz, wo alle Fahrgäste ausstiegen, ging es dann weiter: Beleidigungen, Beschimpfungen, Schläge in meine Richtung. Ich sagte dem Mann weiterhin, er solle damit aufhören – ohne Erfolg. Also suchte ich den Bahnsteig nach dem Kasten mit dem Notrufknopf ab und sagte dem Mann, wenn er jetzt nicht aufhören würde, würde ich den Notruf auslösen. Seine Reaktion: „Mach doch, Du fette Sau, ich warte draußen auf Dich, ich mach Dich fertig.“

Dann habe ich den Notrufknopf betätigt.

Etwa 30 Sekunden lang passierte gar nichts (Freizeichen), dann meldete sich ein Mann. Ich habe ihm gesagt was los war, er hat mir daraufhin langatmig erklärt, dass alle Bahnhöfe videoüberwacht seien und dass ich jetzt zur Polizei gehen könnte und dort die Aufnahmen einsehen könnte. Das war jetzt nicht die Art von Hilfe, die ich erwartet hatte, und das sagte ich dem Mann auch. Er fragte mich, was ich mir denn vorgestellt habe. Ich antwortete: „Dass jemand kommt und mir hilft.“ Daraufhin rechnete er mir vor, wie viel Personal man bräuchte um so was zu gewährleisten (er kam glaube ich auf 176 Leute). Ich antwortete, dass ich das angesichts der Steuern die ich zahle, nicht übertrieben fände und beendete das Gespräch.

Wenn ich diese Situation, die ich erlebt habe, analysiere, drängen sich mir ausgesprochen unerfreuliche Schlussfolgerungen auf:

  1. Wenn man in der Münchner U-Bahn tätlich angegriffen wird, hilft einem niemand.
  2. Wenn man jemandem zur Hilfe kommt, der attackiert wird, dann sollte man das lieber lassen, denn das bringt nur Ärger.
  3. Wenn man jung und Ausländer ist, dann sollte man mit der U-Bahn auf alles gefasst sein.
  4. Wenn man dagegen Deutscher und Rentner ist, am besten noch betrunken, dann kann man machen was man will, es wird keine Konsequenzen haben.
  5. Wenn man einen solchen randalierenden Rentner zur Raison bringen will, dann wendet man am besten konsequent präventive Gewalt an. Denn schließlich greift bei Gewalttaten ohnehin niemand ein.
  6. Wenn man weder Ausländer noch Rentner und auch nicht gewalttätig ist, dann vermeidet man am besten eine Fahrt in der Münchner U-Bahn. Und wenn es sich nicht vermeiden lässt: Am besten wegschauen, bloß nicht einmischen, gibt nur Ärger.
  7. Die Kästen mit dem Notrufknopf hängen offenbar nur als Design-Elemente auf den Bahnhöfen. Eine Funktion haben sie nicht. 

Übrigens, wie ich jetzt gehört habe, hatten auch die Notruf-Kästen am S-Bahnhof Solln, wo der Passagier erschlagen wurde, keine Funktion. Sie wurden angeblich von der Privatbahn BOB aufgestellt und wegen eines Kompetenzgerangels mit der Deutschen Bahn nicht in Betrieb genommen. Dort draußen gibt es zwar Handy-Empfang, aber wozu? 

Es kommt ja doch niemand, wenn man Hilfe braucht.


Kommentare:

  1. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich auch nicht besonders mutig bin, wenn es in S-Bahn oder Bahnhof nötig wäre. Vielleicht habe ich deshalb noch alle meine Zähne ...

    Mir leuchtet der Rat ein, im Notfall möglichst unverzüglich durch lautes Reden oder Rufen Öffentlichkeit herzustellen. Je klarer den Umstehenden und den Passanten ist, was gerade vorgeht, umso eher wird der Täter ablassen und umso eher wird hoffentlich Hilfe geleistet.

    Natürlich hilft ein robustes "Hast Du ein Problem?" (zum Bedrängten!) mehr, als wenn ich mit dem Handy herumfuchtele. So konnte ich neulich bei einem Bekannten punkten, der mir diesen verbalen Beistand in seiner Bedrängnis nicht vergisst.

    Ein weiterer Tipp, den ich der umfangreichen Präventions-Theorie entnehme: Man soll dem Opfer beistehen, ohne den Täter zu provozieren oder anzugreifen. Sobald der Täter damit rechnen muss, eine Übermacht gegen sich zu haben, gibt er hoffentlich nach. Direkte Provokation wird seinen Kamm schwellen und seine Aggression wachsen lassen.

    Wie oben schon eingestanden: Ich arbeite noch daran, nicht einfach beim ersten Anzeichen von Ärger in den nächsten Wagen zu wechseln. Das ist zwar regelmäßg beschämend aber natürlich auch sehr nervenschonend.

    Gruß!

    Axel

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  2. Mich hat der Mord an dem Fahrtgast sehr erschüttert. Er wollte übrigens jüngere Kinder schützen, die von den Schlägern bedroht worden waren.

    Ich denke, wenn es mehr Personal auf den Bahnhöfen und in den Zügen gäbe, würde weniger passieren. Videokameras können nun mal nicht eingreifen. Die Polizei lässt sich so gut wie nie in den öffentlichen Verkehrsmitteln blicken, ist ja auch nicht so bequem wie BMW fahren.
    Mir wurde schon mehrmals von fremden Leuten Prügel oder ähnliches angedroht, von den anderen Fahrgästen ist da keine Hilfe zu erwarten. Die werden ganz plötzlich taub und blind. Wäre ein "Offizieller" anwesend gewesen, wäre es gar nicht so weit gekommen.

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  3. Ich war mal vor Jahren in einer ähnlichen Situation: besoffener Endvierziger, vietnamesisches Paar. Gemacht habe ich nichts, letztendlich hätte die Situation nur eskalieren können, und den Säufer zu maßregeln, hätte die Demütigung der Angegriffenen nicht so weit wettgemacht, daß ich dafür einen körperliche Auseinandersetzung riskiert hätte.

    Wenn wir sowas nicht mehr haben wollen, werden wir m.E. bei den Ursachen ansetzen müssen. Mir scheint, daß der Würdeverlust, der mit Arbeitslosigkeit einhergeht, viel damit zu tun hat, daß Menschen der Gesellschaft entgleiten und versuchen, ihren Status zu verbessern, indem sie den anderer Schwacher verschlechtern. Wenn so einer dann in der U-Bahn ausflippt, ist es bereits zu spät.

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