Samstag, 8. August 2009

Nieten an den entscheidenden Stellen

Am Mittwoch hatte ich eine Premiere, auf die ich gern verzichtet hätte: Ich hatte meinen ersten richtigen Motorradunfall. Am Ende einer Autobahnabfahrt (Wer die Ecke kennt: A96 in Richtung Lindau, Abfahrt Gräfelfing) macht die Straße einen weiten Bogen, um dann auf eine Hauptstraße zu treffen, an der es etwas unübersichtlich zugeht. Ich komme also dort angefahren, muss gleichzeitig in drei Richtungen schauen, sehe vor mir diese Frau in ihrem Golf Kombi, die nach rechts abbiegen will, denke noch, dass sie jetzt gleich abbiegt, und als ich das nächste Mal hinschaue, steht sie da immer noch. Also kräftig in die Bremse gegriffen - zu kräftig: Das Vorderrad rutscht weg, das Motorrad legt sich auf die Seite, ich falle rechts daneben. Das Motorrad rutscht ohne mich noch einen Meter und kracht mit der Verkleidung gegen den Stoßfänger des Golf.

Ich rapple mich sofort auf, bin ganz erstaunt, dass eigentlich nix wirklich weh tut. Die Frau steigt aus ihrem Auto, das Motorrad liegt mit laufendem Motor da, Flüssigkeiten laufen raus. So können wir das nicht lassen. Ich bringe mit dem Killschalter den Motor zum Stehen, ein anderer Motorradfahrer hilft mir, die Yamaha (230 kg) aufzurichten.

(An dieser Stelle kommen ein paar undruckbare Flüche).

Zufällig ist ein Krankenwagen der Johanniter vor Ort. Sie fragen mich, ob mir was fehlt: Mein rechtes Knie tut mir weh, aber nicht in der Qualität "Meniskus zerschmettert" oder "Sehne gerissen", sondern eher oberflächlich, als wäre ich ganz leicht mit dem nackten Knie gegen Beton gehauen. Ich muss also mit dem Knie auf die Straße geschlagen haben. Mit dem Ellenbogen auch, daran kann ich mich noch erinnern, obwohl der Sturz unglaublich schnell ging: Bremsen, zapp - Motorrad liegt und ich daneben. Ich schaue am rechten Ärmel meiner nagelneuen Motorrad-Lederjacke herunter: Nichts, allenfalls ein bisschen Staub. Und meine Hose? Ich habe eine spezielle Motorrad-Jeans an, die an den entscheidenden Stellen mit Kevlarfasern verstärkt ist und an den Knien und an der Hüfte Einsteck-Protektoren besitzt. Dennoch sieht sie wie eine normale, etwas legere Jeans aus, die man problemlos auch den ganzen Tag im Büro tragen kann, wenn man nicht gerade in einer Bank arbeitet. Ist sie in Fetzen? Keineswegs, sieht ganz manierlich aus.

Nochmal Glück gehabt. Die Johanniter wollen aber ihren Job machen, fragen, ob sie mich untersuchen dürfen. Ich sage, mir fehlt nix, aber wenigstens Blutdruck (hoch) und Puls (da) lasse ich messen. Nein, danke, ins Krankenhaus möchte ich nicht gefahren werden.

Danach das ganze Programm: Die Sanitäter haben die Polizei gerufen, die kommt und nimmt den Unfall auf ("Müssten wir eigentlich nicht machen, gab ja keinen Personenschaden"). Die Unfallgegnerin bleibt bei all dem sehr gelassen und ist wie ich froh darüber, dass die Flüssigkeiten auf der Straße von meinem Motorrad stammen und nicht von mir. Ein Bekannter von ihr kommt vorbei und nimmt ihren Sohn mit, der auf dem Rücksitz saß. Papierkram, die Polizei will Führerschein und Kfz-Schein sehen, die Unfallgegnerin hat ihren nicht dabei, egal. Schließlich kommt der ADAC-Abschleppwagen und lädt mein Motorrad auf. Ob es noch fährt, weiß ich nicht - und will es jetzt auch nicht gleich ausprobieren. Gemeinsam mit dem ADAC-Mann fahre ich in die wenig entfernt gelegene Werkstätte für 2-Radmechanik und stelle denen mein lädiertes Krad vor die Füße. Auftrag: Schauen, ob was Gröberes kaputt ist (Woher kamen die Flüssigkeiten?). Kosmetisch hat meine TDM leider ganz schön was abgekriegt. Vor allem die Verkleidung hat's erwischt. Auf der rechten Seite sieht man deutlich die Ecke, die vom Asphalt abgeschmirgelt wurde, auch einen Blinker hat's erwischt. Zum Glück hatte ich Koffer montiert - jetzt hat zwar der rechte Koffer noch ein paar Kratzer mehr, dafür konnte die Maschine nicht auf meinen Fuß fallen. Auf der linken Seite ist die Verkleidung mehrfach tief gebrochen - hier hat sie offenbar die Golf-Stoßstange geküsst.

Die neuralgischen Teile sehen dagegen noch sehr gut aus: Motor scheint unberührt, Spiegel sind dran, Griffe und Hebel auch - und jetzt, wo das Motorrad steht, läuft auch nichts mehr raus. Herr Klaaßen von der Werkstatt verspricht, sich um die Essentials zu kümmern, die Kosmetik kann ich später selbst machen. Einen Tag später kommt der erlösende Anruf: "Ihre Maschine ist fertig, da fehlt sich an sich nix." Die Gabel sei etwas verspannt gewesen, berichtet Herr Klaaßen, aber das sei nicht tragisch und bereits behoben. Ich könne sie jetzt abholen. "Wie fühlen Sie sich denn heute?" fragt der Meister zum Abschluss noch am Telefon, "Oft kommen die Beschwerden erst am Tag danach." In der Tat fühle ich mich, als hätte ich einen Tag auf dem Bau geschuftet oder es beim Gewichtheben übertrieben, vor allem meine Oberarme schmerzen. Offenbar habe ich mich beim Sturz instinktiv total verkrampft.

Am Freitag fahre ich nach der Arbeit mit dem Bus nach Pasing und hole meine TDM ab. Sie steht vor dem Tor der Werkstatt, wo ich sie am Morgen selbst abgestellt habe, denn natürlich hat die Werkstatt jetzt schon zu. Ich trage dieselbe Kleidung, die ich beim Unfall auch anhatte: Meine Protektoren-Lederjacke, die verstärkte Jeans, Motorrad-Sneaker mit verstärktem Knöchel- und Fußschutz, meinen Helm von Shoei und meine Handschuhe von Held, aus Känguruh-Leder mit Nieten am Handballen. Als ich die Handschuhe anziehen will, fallen mir die Nieten auf: Sie sind mit frischen, tiefen Kratzern übersät, eine Niete ist fast ganz rausgerissen. Offenbar bin ich mit ziemlicher Wucht mit meinen Händen auf der Straße gelandet und auf den Handballen über den Asphalt gerutscht. Habe ich Schmerzen in den Händen? Nix. Nada.

An dieser Stelle eine Bitte an alle Leser: Wenn Ihr Zweirad fahrt, egal ob Fahrrad, Mofa, Roller oder Motorrad: Zieht Euch Leder-Handschuhe an, die an den Handballen gepolstert sind. Wenn Ihr stürzt, werdet Ihr Euch garantiert instinktiv mit Euren Händen abstützten - und mit Euren Handballen auf der Straße landen. Und das tut weh, wenn man keinen Schutz hat. Ich glaube, dass ordentliche Handschuhe für die eigene Sicherheit fast noch wichtiger sind als ein Helm. Mein Integralhelm hat den ganzen Sturz übrigens komplett unbeschadet überstanden, er hatte zu keinem Zeitpunkt Bodenkontakt. Aber meine Held-Handschuhe (69 Euro), die haben dafür gesorgt, dass ich jetzt locker diesen Text tippen kann. Gerade jetzt im Sommer sehe ich viele Leute, die zum Beispiel auf dem Motorroller durch die Stadt flitzen und außer einem Helm so gut wie nichts anhaben. Leute, macht das nicht. Ein Paar Handschuhe kann man am Ziel immer noch problemlos in den Helm stecken. Die stören nicht, man schwitzt auch nicht besonders darin (wenn man die richtigen hat) - und zwei funktionierende Hände sind was Feines.

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