Dienstag, 12. Oktober 2010

Navis auf dem Motorrad: Versuch macht kluch










Das TomTom Rider war nicht weniger als eine Revolution: Ein Navigationssystem, speziell für Motorradfahrer gebaut. Das bedeutete: Wetterfest, im hellen Sonnenlicht ablesbar, mit Handschuhen bedienbar und mit einer Bluetooth-Schnittstelle für die drahtlose Übertragung der Ansagen in den Helm. Wie das bei Revolutionen meistens so ist, ging auch diese nicht ohne Kollateralschäden ab: Die Software schmierte gelegentlich ab, die Motorradhalterung war eine Fehlkonstruktion - zahlreiche Geräte machten sich bei voller Fahrt selbstständig - und der Einführungspreis von 800 Euro war nur etwas für Hartgesottene.
Die meisten dieser Probleme gehörten mit der Einführung des TomTom Rider 2 im Jahr 2008 der Vergangenheit an: Die Software wurde überarbeitet, die Halterung ebenso - und der Preis sank sukzessive auf weniger als die Hälfte. Zum Schluss wurde der TomTom Rider 2 inklusive Halterung und DACH-Karte für deutlich unter 300 Euro verkauft. Wer wie ich die "Europa"-Version nahm, bekam für 350 Euro das Navi, die große Europakarte mit 43 Ländern, eine RAM-Mount-Halterung und das Bluetooth-Headset Scala Cardo.
Seit Mitte 2010 ist der Rider2 vergriffen, das Nachfolgemodell Urban Rider ist auf dem Markt. Auch hier gibt es die Grundversion für 249 Euro und die Pro-Version mit Headset und großer Karte für einen Hunderter mehr.
Ich hatte jetzt die Gelegenheit, den Urban Rider auszuprobieren - und das sind die Unterschiede:
Die Hardware
Auf den ersten Blick sind die Gehäuse beider Geräte gleich, was für die Abmessungen und das Gewicht auch zutrifft. Das Rider2-Gehäuse ist silbern lackiert, was nicht unbedingt von Vorteil sein muss, denn die Farbe kann abkratzen. Das Urban-Gehäuse ist aus robustem, schwarzem Hartplastik und somit unempfindlicher. Der Rider2 hat einen eingebauten SD-Kartenslot und eine Ladebuchse für ein Steckerladegerät. Beim Urban Rider ist der Kartenspeicher fest eingebaut, geladen wird nur noch über die Mini-USB-Buchse, diese dient beim Rider2 nur zum Datentransfer.
Die beiden Bildschirme sind in der Praxis etwa gleich hell, der Helligkeitsunterschied auf dem Foto täuscht. Intern hat der Urban Rider etwas mehr Arbeitsspeicher bekommen, was bedeutet, dass die Urban-Software auf dem Rider2 nicht läuft. Außerdem wurde der eingebaute Akku etwas vergrößert, so dass der Urban bis zu 8 Stunden mit einer Akkuladung laufen soll. beim Rider2 sind es nur fünf.
Der Lieferumfang
Der erstaunlich niedrige Preis des Urban Rider wird durch einen zum Teil mageren Lieferumfang erkauft. So gibt es für den Rider2 eine praktische Transporttasche aus Neopren, die beim Urban Rider fehlt. Der Haupt-Nachteil ist jedoch die mitgelieferte Motorradhalterung: Beim Rider2 liegt ein so genanntes Active Dock bei, also eine Halterung mit Stromanschluss, an der man den Rider während der Fahrt aufladen kann. Der Urban Rider wird serienmäßig mit einer Passiv-Halterung ausgeliefert, ein Aufladen am Motorrad ist nicht vorgesehen. Dem Vernehmen nach gab es mit der aktiven Halterung Probleme, viele Motorradfahrer waren nicht in der Lage, die Stromversorgung richtig anzuschließen. TomTom konterte mit der Passiv-Halterung und einem größeren Akku. Allerdings kostet das Active Dock als Zubehör stolze 65 Euro, was den Preis des Urban Rider schon über die 300-Euro-Marke drückt. Dafür ist die Softwareausstattung der "kleinen" Version üppiger als beim "kleinen" Rider2: Statt DACH ist ganz Mitteleuropa drauf.
Die Software
Der Hauptunterschied zwischen beiden Geräten offenbart sich, wenn man sie einschaltet: Die Benutzeroberfläche des Urban Rider wurde komplett überarbeitet. Dies ist nicht unbedingt von Vorteil, vor allem die Konfigurationsmenüs schicken einen oft in eine Riesenschleife, aus der man nicht wieder herauskommt. Dafür wurden manche Einstellungsoptionen feinfühliger. Das gilt vor allem für die Option "kurvenreiche Strecke", hier kann man wählen, wie kurvenreich man es haben will. Steht man vor der Entscheidung zwischen beiden Geräten, kann allein diese Option den Ausschlag geben. Wer einfach nur von A nach B fahren und dabei mit seinem Motorrad Spaß haben will, der wählt "kurvenreiche Strecke" und bekommt vom Navi überraschend kreative Vorschläge geliefert. Auch sonst wurde die Software an vielen Ecken verbessert: Es gibt ein Motorrad-Schnellmenü, das einen mit zwei Fingertippsern zur nächsten Tankstelle leitet, außerdem kann man jetzt für die Eingabe neben einer QWERTZ-Tastatur auch eine T9-Tastatur mit extragroßen Tasten wählen, mit der ich allerdings nicht zurecht kam. Neu hinzugekommen sind außerdem eine Tracking-Funktion und ein Fahrspurassistent.
Routenplanung und Fahren
Auch beim Urban Rider verzichtet TomTom wie beim Rider2 darauf, ein vernünftiges Tool für die Routenplanung beizulegen. Hier kann TomTom nicht mit Garmin mithalten, wo die Planungssoftware MapSource zum Lieferumfang gehört. Allerdings kann man sich mit anderen Tools helfen, zum Beispiel dem MOTORRAD Tourenplaner, dem Programm TYRE oder dem Onlinetool von Harzpoint. Zu beachten ist nur, dass eine Route auf dem TomTom maximal 48 Waypoints haben kann. Bei Programmierung, Zieleingabe und Routing bestehen zwischen Rider2 und Urban Rider wenig Differenzen, wenn man einmal von der wirklich gelungenen Option "kurvenreiche Strecke" absieht. Nach wie vor beherrschen beide Navis kein "Text to speech", was bedeutet, dass Straßennamen und Richtungen nicht angesagt werden. Außerdem fehlt beiden die Fähigkeit, einfach mal zu sagen "dem Straßenverlauf folgen". Knickt eine Vorfahrtsstraße nach rechts ab, wird eine Abbiegung nach rechts angesagt - manchmal jedoch auch nicht. Der Fahrspurassistent des Urban Rider ist Geschmackssache: Am unteren Rand der Anzeige werden die Fahrspuren angezeigt, und die , die man benutzen soll, blinkt. Bei Autobahnauffahrten ersetzt sogar eine fast schon fotorealistische Grafik der Straßensituation die normale Kartenansicht. Das ist nicht unangenehm - wirklich nötig ist es aber eigentlich auch nicht.
Der Betrieb im Auto
Da der Rider keinen eingebauten Lautsprecher hat, gibt es - für stolze 80 Euro - eine Auto-Halterung, komplett mit einem eingebauten Lautsprecher und einem Ladestecker für den Zigarettenanzünder. An meinem Rider2 habe ich seit einiger zeit an der Auto-Halterung keinen Sound mehr, ich weiß auch nicht warum. Als ich den Urban Rider in die Halterung steckte, gab es wieder Ton. Das ist sub-optimal.
Fazit
Der Urban Rider ist unter dem Strich ein gelungenes Upgrade des Rider2, wobei allerdings beim Lieferumfang geknausert wurde. Für den, der ein günstiges Navi sucht, ohnehin nicht so lange Touren fährt und eventuell bereits ein Bluetooth-Headset in seinem Helm hat, ist allerdings der Urban Rider in der Standard-Ausstattung ein heißes Angebot zu einem wirklich günstigen Preis. Wer bereits den Rider2 besitzt, muss nicht neidisch auf den Urban Rider schauen: Im Grunde sind beide Geräte nach wie vor sehr ähnlich.

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