Sonntag, 28. Juni 2009

Do You Poken?

RFID-Chips (Radio Frequency Identification) haben - vor allem in Deutschland - ein Imageproblem: Sie erlauben den gläsernen Menschen/Kunden/Konsumenten. Dass man diese Technik auch sehr spaßig-kreativ einsetzen kann, zeigt der Poken. Ein Poken ist eine kleine Pastikfigur mit einer stilisierten, zum Gruß erhobenen Hand. Der Poken ist so klein, dass er problemlos in eine Streichholzschachtel passt - aber dafür ist er nicht gebaut: Man soll ihn gut sichtbar um den Hals tragen, zum Beispiel am Lanyard, jedem breiten Schlüsselband, ohne das man auf keiner Konferenz mehr auskommt, weil daran das Namensschild hängt.

Lernt man auf der Konferenz/der Party/dem Meeting/dem Barcamp jemanden kennen, der ebenfalls einen Poken um den Hals trägt, dann "pokt" man sich - man legt die beiden Poken Handfläche an Handfläche gegeneinander - und überträgt so die eigenen Kontaktdaten auf den Poken des anderen, während der eigene Poken die Daten des anderen empfängt. Das dauert nur ein, zwei Sekunden.
Daheim kann man seinen Poken auslesen - und hat die Kontaktdaten aller Menschen, mit denen man sich an dem Tag "gepokt" hat.

Wie geht das technisch?

Das bunte Teil des Poken ist reiner Schmuck, die Technik steckt im weißen Teil: Ein USB-Memorystick mit einem RFID-Chip. Nach dem Kauf des Poken (kostet etwa 15 Euro) muss man ihn aktivieren: Man zieht eine Sicherungslasche aus dem USB-Stecker und steckt den Poken am Notebook an. Anschließend ruft man die Website des Poken auf, nämlich http://www.doyoupoken.com/.

Dort legt man einen Account mit Passwort an und schreibt die Daten auf den Poken, die man anderen Menschen weitergeben möchte, die Handynummer etwa, die E-Mail-Adresse under die URL zu seinem Blog oder seiner Homepage. Auch ein Bild lässt sich speichern.

Diese Information verknüpft die Poken-Website mit der Seriennummer des RFID-Chips im Poken. Treffen sich nun zwei Poken-Besitzer und machen "give me five" mit ihren Poken, dann tauschen die beiden RFID-Chips ihre Seriennummern aus. 64 Seriennummern anderer Poken kann ein Poken speichern, dann muss man ihn entleeren. Wenn man nach der Party den Poken wieder an sein Notebook steckt, dann liest der Computer den Speicher des Poken aus und ordnet den gefundenen RFID-Seriennummern die passenden Profile zu. Fertig. Im Poken steckt außerdem eine Knopfzelle, die ihn mit Strom versorgt und angeblich sechs Monate hält.

Und, war das alles?

Nicht ganz. Die Poken-Erfinder setzen auf die Macht der Social Communities. Deshalb sind die Informationen, die man mit einem Poken überträgt, relativ spärlich - auf mancher Visitenkarte steht mehr drauf. Doch wer beispielsweise einen Account bei Xing oder bei Facebook hat, kann einen entsprechenden Tag setzen, das eigene, gut ausgefüllte Profil ist dann nur noch einen Mausklick entfernt. Außerdem lassen sich die übermittelten Daten auch als Vcard herunterladen und sind so in kürzester Zeit ins eigene Adressregister eingepflegt. Über Funktion und Fehlfunktion des Poken geben verschiedenfarbige Blinksignale Auskunft. Blinkt die Handfläche nach dem Poken grün, ist alles okay.

Der Ghost-Modus

Wer sich nicht sicher ist, ob er einem Fremden mit einem Poken um den Hals seine Kontaktdaten überlasen will, der kann einen Trick anwenden: Einfach zweimal auf den Knopf in der Handfläche des Poken drücken, und für die nächsten 30 Sekunden ist der Poken im "Ghost-Modus. Das bedeutet: Später am Computer bekommt man zwar die Daten des Fremden angezeigt, der sieht auf seinem Computer aber nur einen leeren Platzhalter. Erst wenn man beschließt, dass der Fremde ein Freund werden soll, und seine Daten freigibt, erscheinen sie auf dem Computer des anderen. Allerdings: Für Klemmis sind Pokens nix. Wer immer nur im Ghost Mode herumpokt, muss sich nicht wundern, wenn andere das auch tun - und dann kann man das mit dem Poken auch gleich sein lassen. Wesentlich praktischer am Ghost Mode finde ich die zweite Variante: Das Verwalten mehrerer Identitäten. Man kann seinen Poken so einstellen, dass man zum Beispiel eine berufliche und eine private Identität hat. Pokt man ohne Klicken, bekommt der Empfänger die beruflichen Kontaktdaten, nach einem Doppelklick auf den Knopf bekommt er die privaten Daten.
Mal ehrlich: Braucht man das?

Ganz ehrlich: Nein. Aber was braucht man schon wirklich, wenn wir ehrlich sind?
Ich hoffe jedenfalls, dass sich die Dinger durchsetzen und die lästigen Visitenkarten überflüssig machen.

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